Die musikbäume

 

Vor langer Zeit lebten in einem fernen Land viele wunderschöne Bäume. Sie lebten in einer ganz besonderen Landschaft, denn es waren ganz besondere Bäume: es waren musikbäume.

Die musikbäume waren alle ganz verschieden in ihrem Aussehen und ihren Eigenarten. Der Barockmusikbaum beispielsweise war groß und stattlich, hatte in seinen über 300 Lebensjahren viele Runzeln bekommen und wählte seine Worte immer sehr bedächtig. Der Hiphopmusikbaum demgegenüber war ein vorlauter, junger Spund, der für seine Impulsivität bekannt und berüchtigt war. Ebenso jung und von eher schmächtigem Wuchs war der Elektronikmusikbaum, der allerdings auch noch ziemlich grün hinter den Ohren war. Und dann gab es noch den Vokalmusikbaum, den Weltmusikbaum, den Zwölftonmusik- und den Volksmusikbaum, den Amateurmusikbaum, den Streamingmusikbaum und viele, viele mehr.

Die musikbäume schätzten sich gegenseitig sehr und fühlten sich als große Gemeinschaft. Sie alle genossen die warmen und hellen Sonnenstrahlen und freuten sich über die gesunde Erde, auf der sie standen und in der sie mit ihren starken Wurzeln fest und sicher verankert waren. Und mit ihren Wurzeln, die bei einigen musikbäumen tief in die Erde reichten, nahmen sie klares Wasser und wertvolle Nahrung auf. Sie ließen gerne ihre Blätter und Nadeln im Wind rauschen und wenn sie mit ihnen die Luft reinigten, fühlten sie sich lebendig und voller Energie.

Die musikbäume erfreuten sich an ihrem Dasein, denn jeder hatte seinen eigenen Klang, seinen eigenen Sound. Jeder besaß eine einzigartige Schwingung, in der er sich wohlfühlte und in der er seine besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften ganz leicht entfalten und zur Blüte bringen konnte. Und diese vielen, individuellen Schwingungen der einzelnen musikbäume ergaben zusammen einen wunderschönen, bunten, wohltönenden Gesamtklang, eine bewegende, helle, strahlende Harmonie.

Eines Tages jedoch klang diese Harmonie plötzlich sehr merkwürdig. Mitten in dem großen Gesamtklang gab es irgendwo einen Misston, ein Dissonanz, die die Schwingungen der übrigen musikbäume störte und ganz durcheinander brachte. Es stellte sich heraus, dass ein musikbaum krank geworden war. Schon im Frühling, so klagte er, seien einige seiner Zweige ganz trocken geworden, die Blüten seien nicht richtig ausgeschlagen, und ein paar Wochen später seien die wenigen Früchte ganz verschrumpelt gewesen. Und schmeckten sehr bitter. Er habe mittlerweile keine Freude am Leben mehr, sprach er leise und kraftlos, er verzweifele an sich und der Welt und überhaupt wolle er am liebsten ganz zu klingen aufhören.

Die übrigen musikbäume nahmen großen Anteil an dem kranken musikbaum. Sie machten sich Sorgen, spekulierten untereinander über mögliche Ursachen, sprachen ihm Trost zu und gaben ihm wohlmeinende Ratschläge. Aber nichts half und dem kranken musikbaum ging es immer schlechter.

Als alle die Hoffnung schon fast verloren hatten, kam plötzlich ein Wanderer des Weges. Der Wanderer war ein sehr erfahrener und achtsamer Wanderer und so nahm er den Missklang sofort wahr. Er näherte sich behutsam dem musikbaum, schloss die Augen und berührte ihn ganz sanft. Für den musikbaum war es ganz ungewohnt und doch sehr angenehm, auf solch eine mitfühlende Weise berührt zu werden. Er vertraute sich ganz dem Wanderer an und spürte, wie er allmählich innen drin ganz ruhig wurde. Dies schien der Wanderer zu bemerken, der darauf begann, leise eine schöne Melodie zu summen. Es war eine ganz alte, einfache Melodie, die sich nach und nach steigerte. Der Wanderer summte lauter, begann dann zu singen und dazu rhythmisch in die Hände zu klatschen. Die Musik wurde immer intensiver, der Wanderer stampfte mit den Füssen auf den Boden im Takt der Musik und tanzte schließlich um den musikbaum herum. Und dann: plötzlich erkannte der musikbaum die Melodie wieder! Er kannte sie ja von früher, hatte sie fast vergessen! Der musikbaum begann zu pulsieren und zu vibrieren. Plötzlich begann wieder etwas in ihm zu fließen. Er geriet in Resonanz, durchlief hohe und tiefe Schwingungen, bis er plötzlich seine eigene wiederfand. Das Leben, sein Leben erwachte wieder! Er fühlte sich wie neugeboren, glücklich und kraftvoll. Nicht nur er, auch alle anderen musikbäume waren dem Wanderer sehr dankbar und beschenkten ihn reich. Freudig nahm der musikbaum wieder seinen Platz in der Harmonie der musikbäume ein, die bis heute weiterklingt.

 

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